Ein Spiel von Phillippe Mouchebeuf.
Verlag: Tilsit Editions
Ein Karten-Brettspiel mit starkem Rollenspielelement
Spieler: 2 bis 6 Höflinge
Alter: ab 12 Jahren
Spieldauer: 90 min.
Spielmaterial: 1 Spielbrett, 112 Karten, 24 Papfiguren mit Plastikfüßen, 2 Büsten: eine von Louis VIV und eine von der Königin
Worum geht es in diesem Spiel?
Im großen und ganzen geht es darum, mittels Intrigen am französichen Hof das meiste Geld an sich zu raffen.
Dieses Spielziel hört sich ganz gewöhnlich an, ist aber in der Umsetzung und im Spielablauf alles andere als gewöhnlich.
Die erste Besonderheit fällt schon gleich beim Spielplan auf. Hier ist eine zweigeteilte Stufenleiter in der Form des Schlosses von Versailles dargestellt. Die Werte der Stufenleiter reichen auf jeder Seite von -2 bis zu 9.
Die eine Seite ist in blau dargestellt, die andere in rot.

Jeder Spieler hat vier Pappfiguren. Auf ihnen ist jeweils eine männliche und eine weibliche Person in doppelter Ausführung dargestellt. Zum Anfang des Spiels kann der Spieler wählen, ob er weiblich oder männlich sein will. Stirbt sein Charakter während des Spiels (was nicht selten vorkommt), dann kommt er als anderes Geschlecht wieder ins Spiel.
Die rote Stufenleiter auf dem Spielbrett stellt das Ansehen eines Charakters bei der Königin dar,
die blaue Stufenleiter das Ansehen beim König.
Hier stellten die Spieler ihre Pappfiguren gemäß ihres Ansehens auf, einmal beim König und einmal bei der Königin.
Immer, wenn man im Spiel etwas erreichen möchte, muss man den König fragen!
Dies tut man entweder direkt, indem man mit einem 10-seitigen Würfel gegen sein Ansehen würfelt. Ist der Wert kleiner oder gleich dem Ansehen, so hat einen der König erhört und erfüllt einem seinen Wunsch. Hat man nun beim König ein schlechtes Ansehen, so kann man ihn auch indirekt fragen indem man die Königin fragt. Hier würfelt man dann zweimal gegen das Ansehen bei der Königin, einmal dafür, ob einen die Königin erhört und ein zweites mal dafür, wie stark sich die Königin beim König für einen einsetzt.
Immer, wenn eine Anfrage misslingt, sinkt das eigene Ansehen bei der betreffenden Person, wo man die Anfrage gestartet hat (schließlich nervt man ja den König mit Belanglosem, oder etwa die Königin kriegt einen vom König auf den Deckel, weil sie Fürsprache für einen gehalten hat).
Anfragen können einmal gestartet werden, um z.B. Ämter oder Titel zu erhalten, welche meist ein gutes Einkommen bedeuten. Diese Ämter und Titel kann man erwerben, indem man eine entsprechende Karte ausspielt und beim König (oder der Königin) eine entsprechende Anfrage durchführt.
Doch ein wesentliches Element dieses Spiels ist, was man alles ohne Karten machen kann (hier tun sich viele schwer, die das Spiel zum ersten mal spielen).



Man kann z.B. beim König um die Hand eines anderen Charakters anhalten (dazu muss man wohlgemerkt den anderen Spieler nicht fragen). Wenn der König die Heirat nun auch wünscht, wird sofort geheiratet. Von nun an teilen beide Ehepartner alle neuen Einnahmen. Der besser Verdienende einer solchen Ehe versucht sich manchmal schnell seines Partners wieder zu entledigen. Hierzu bieten ihm zahlreiche Karten die Möglichkeit. Andererseits hat er mit dem Partner auch einen wertvollen Verbündeten, der ihm womöglich gute Karten zum Tausch anbietet. Denn nicht immer hat man Karten auf der Hand, die man gebrauchen kann. So gibt es Karten, die nur auf Frauen oder nur auf Männer gespielt werden dürfen. Positive Karten möchte man andererseits ja ungern auf Gegner spielen. Das Einkommen des Ehepartners aufzubessern ist jedoch für beide von Vorteil. Man darf nur nicht vergessen, sich rechtzeitig des Partners zu entledigen.
Egal ob verheiratet oder nicht, man sollte sich am Hof immer Verbündete suchen, die einen löblich vor dem König erwähnen (jederzeit ohne Karte möglich), damit das eigene Ansehen steigt oder sei es auch nur, damit sie nicht schlecht vor dem König über einen reden, um zu verhindern, dass das eigenen Ansehen sinkt.
Wurde man erst einmal in die Bastille geworfen oder in das Exil geschickt, steht es ganz schlecht um einen, wenn man keine Freunde hat.
Sicherlich, zu jeder Anfrage gehört ein wenig Glück (wir wissen ja nicht, mit welchem Fuß der König heute aufgestanden ist), und auch die Karten, die man zur Verfügung hat, sind zufällig, doch kann man dieser Glückskomponente durch geschicktes Verhandeln stark entgegenwirken.
Sollte man übrigens einmal sterben, dann ist das bisher gesammelte Geld nicht etwa verloren, sondern fließt als Erbe an das Familienmitglied, als das man sich nun am Hofe neu vorstellt (sämtliche Ämter und Titel gehen natürlich verloren).
Die zahlreichen Facetten dieses vom Regelwerk her relativ einfachen Spiels (Regelwerk 8 DinA4 Seiten) hier einzugehen, würde zu weit führen.


Auf jeden Fall erwartet einen ein variationsreiches Spiel, das viel Spaß verspricht.
Auf eine in meinen Augen völlig unnötige Regel sollte man bei diesem Spiel jedoch auf jeden Fall verzichten.
Der Haushofmeister (Startspieler einer Runde) darf nämlich Strafen verhängen bei Nichtbeachtung der Etikette. Unter Etikette versteht man, dass sich die Spieler mit dem richtigen Namen ihres Charakters ansprechen und auch dem Hof gemäße Umgangsformen pflegen. Hier wird eine von den einzelnen Spielern willkürlich handzuhabende Strenge in das Spiel gebracht, die überhaupt nicht in den oft heiteren Spielverlauf einer „lockeren“ Versaille-Runde passt.
In unseren Spielrunden ist die Freude und das „Hellau“, das ausbricht, wenn man es geschafft hat, den eben noch so erfolgreichen „Herrn van Gouda“ um die Ecke zu bringen, auf jeden Fall überhaupt nicht höfisch und der Etikette entsprechend.
Die Spieldauer kann mehr oder weniger durch freies Festlegen der Gewinnsumme beliebig variiert werden.
Hier nun unser Fazit:
Anspruch: mittel
Erlernbarkeit: etwas gewöhnungsbedürftige Mechanismen
Spielreiz: sehr hoch (wenn man die Strafen des Haushofmeisters weglässt)
Wiederspielreiz: sehr hoch
Von der ganzen Art des Spiels gibt es eigentlich nichts Vergleichbares auf dem Markt (oder mir ist zumindest nichts bekannt). Das Spiel ist sehr interaktiv und kommunikativ und daher nichts für stille Grübler. Für alle anderen ist es ein ganz dicker Tipp.
Leider haben wir von diesem Spiel nur noch ein einziges auf Lager. - Es ist bereits vergriffen und kann von uns nicht mehr beschafft werden.